Barrieren im Kopf abbauen: Verein präsentiert innovative Lösung gegen Fachkräftemangel
Am 20. März fand in den Räumen der Werkbank 32 auf der Bahnhofstraße in Mittweida eine ganz
besondere Veranstaltung des Vereins Arbeit und Toleranz e.V. statt. Der Verein hatte mit dem
Aufruf „Innovative Unternehmer gesucht“ geladen, um vorzustellen, wie Personalsuche neu
gedacht werden kann.
Während viele Unternehmen händeringend nach qualifiziertem Personal suchen, bleibt ein
beachtliches Potenzial am Arbeitsmarkt oft ungenutzt: Menschen mit Einschränkungen. Dass dies
meist nicht an mangelnder Qualifikation, sondern an technischen Hürden und unbegründeten
Vorbehalten liegt, verdeutlichte die Infoveranstaltung „Vorbehalte unbegründet“, zu der der Verein
Arbeit und Toleranz am Freitag eingeladen hatte.
Ein Experiment, das die Perspektive wechselt
„Stellen Sie sich vor, Sie sind ein hochqualifizierter Softwareentwickler, aber Sie sehen den Cursor
auf Ihrem Bildschirm nicht. Sie hören die Sprachausgabe nicht, weil die Seite nicht programmiert
wurde, um mit Ihnen zu sprechen.“ Mit diesen Worten bat Moderatorin Antje Ebermann die
geladenen Gäste – darunter Vertreter des Kommunalen Sozialverbandes, der Industrie- und
Handelskammer sowie regionale Unternehmer –, für einen Moment die Augen zu schließen. Der
emotionale Einstieg machte deutlich: Inklusion ist kein abstraktes Sozialthema, sondern eine Frage
des Zugangs und der Gestaltung unserer Arbeitswelt.
Digitaler Brückenschlag: arbeitundtoleranz.de
Im Zentrum der Veranstaltung stand die Vorstellung des neuen Portals zur Jobvermittlung für
Menschen mit einer Behinderung. Die Plattform ist weit mehr als eine gewöhnliche Jobbörse. Sie
ist ein Pilotprojekt, das zeigt, wie moderne Technik Barrieren einreißen kann.
Wie das in der Praxis aussieht, demonstrierte Frau Schlegel von der Ergänzenden unabhängigen
Teilhabeberatung (EUTB) eindrucksvoll. Als blinde Fachkraft navigierte sie live vor den Augen des
Publikums durch das Portal – allein mit der Tastatur und einem sogenannten Screenreader, der
Bildschirminhalte in Sprache übersetzt. Auf der anderen Seite zeigte Frau Bauer, Geschäftsführerin
der Chemnitzer Immobilien- und Wohnungsmanagement, wie intuitiv Unternehmen
Stellenanzeigen schalten können, die gezielt Informationen zur Barrierefreiheit enthalten. „Der
Prozess ist so gestaltet, dass Arbeitgeber nicht mehr Zeit investieren als bei anderen Portalen, aber
sofort die richtigen Fragen beantworten“, so Ebermann.
Die neue Website des Verein Arbeit und Toleranz e.V. erfüllt höchste Standards zur Barrierefreiheit
(Kontrastreichtum, Skalierbarkeit, Screenreader-Optimierung) und dient damit als Best-PracticeBeispiel für digitale Teilhabe. Während der Veranstaltung wurde klar, dass Technik in der
Arbeitswelt Barrieren abbauen kann.
Wirtschaftliche Fakten statt Mythen
Antje Ebermann räumte in ihrem Vortrag mit dem Vorurteil auf, Inklusion sei ein finanzielles oder
organisatorisches Wagnis. Sie präsentierte drei Kernargumente, die Inklusion zum Erfolgsfaktor für
Betriebe machen:
• Hohe Bindungskraft: Statistisch gesehen ist die Fluktuation bei Mitarbeitern mit
Behinderung deutlich geringer. Unternehmen gewinnen loyale Teammitglieder, die eine
enorme Motivation mitbringen.
• Gezielte Fachkräftesicherung: Das Portal fragt nicht nur nach dem Lebenslauf, sondern
klärt im Vorfeld Rahmenbedingungen wie Rollstuhlgerechtheit oder Arbeitsassistenz. Das
spart den Unternehmen Zeit und verhindert Fehlbesetzungen.
• Finanzielle Sicherheit: Inklusion wird staatlich massiv gefördert. Frau Harig-Sonnenberg
vom Kommunalen Sozialverband (KSV) erläuterte die rechtlichen Rahmenbedingungen und
zeigte Wege zu Lohnkostenzuschüssen und zur Übernahme von Kosten für
Arbeitsplatzanpassungen auf. Sie ging auf wichtige Fragen von Unternehmern ein: Was ist
mit dem besonderen Kündigungsschutz?, Wie funktioniert das mit der Ausgleichsabgabe?,
Wer unterstützt mich eigentlich langfristig?
Ein Appell an die Region: „Einfach anfangen“
In einer abschließenden Blitzantwort-Runde gaben die Akteure der Veranstaltung wichtige
Impulse. Auf die Frage, was Inklusion in der Region zum Erfolg führen kann, lautete die Antwort
stellvertretend für den Grundtenor des Tages: „Aufhören zu warten und stattdessen einfach
anfangen.“
Die Veranstaltung endete mit einem regen Austausch zwischen Unternehmern und Beratern. Die
Botschaft des Tages war klar: Inklusion ist keine Einbahnstraße und kein reiner Akt der
Nächstenliebe, sondern eine professionelle Antwort auf den Fachkräftemangel unserer Zeit. Aus
den Gesprächen formulierten die Akteure klare Zielsetzungen für die kommenden Monate. Im
Fokus steht dabei, das neue Portal arbeitundtoleranz.de zu etablieren. Die Plattform soll zur
zentralen Anlaufstelle für inklusives Stellenangebote in der Region Mittelsachsen und darüber
hinaus werden. Der Verein strebt eine stetig wachsende Zahl an registrierten Unternehmen an, um
die Vielfalt der angebotenen Stellen zu erhöhen.
Aufruf zur Interaktion: „Inklusion lebt vom Mitmachen“, fasste Antje Ebermann die Ziele
zusammen. Interessierte Unternehmen, die dem Fachkräftemangel mit innovativen Ansätzen
begegnen wollen, sind ausdrücklich aufgerufen, ihre offenen Stellen in das Portal einzutragen oder
dazu Kontakt zum Verein aufzunehmen. Dabei unterstützt der Verein aktiv bei der barrierefreien
Gestaltung der Anzeigen und bei der Kontaktaufnahme zu Experten.